Meine erste Zeit in Deutschland

Acht Uhr morgens. Heute ist es so weit. Ich darf wieder in die Schule gehen. Nach 3 Jahren – endlich wieder Schule. Wird es eine richtige Schule sein – mit deutschen Kindern und Jugendlichen? Oder sind es lauter Leute aus meiner Heimat? Wie sind die Lehrer? Hoffentlich nett!

Ich kann noch kein Deutsch – verstehe nichts! Unser Dolmetscher hat mir erklärt, dass dort eine Schule ist. Ich kann dort Deutsch lernen. Wenn ich Deutsch kann, kann ich Freunde gewinnen. Ich habe wieder etwas zu tun. Muss nicht gelangweilt in unserem Zimmer sitzen. Fünf Personen in einem kleinen Raum. So haben wir – meine Familie und ich uns Deutschland nicht vorgestellt. Meine Eltern sagen immer – wir müssen geduldig sein. Alles wird gut.

Aber heute geht es los. Jetzt kann ich selbst wieder etwas machen.

9.30 Uhr Ich bin in der Schule. Ich kenne niemanden. Das ist gut so! Allerdings sprechen viele Schüler hier arabisch. Es sind auch Jugendliche aus Afghanistan, dem Irak, Somalia und Eritrea da. Alle sind nach Deutschland gekommen um hier eine Zukunft zu haben. Die Lehrerin ist nett. Sie versteht kein Arabisch. Aber mein Nachbar kann ein bisschen Englisch. Er übersetzt dann ins arabische. Wir müssen uns vorstellen. Ich verstehe nichts! Aber die Lehrerin hilft mir. Die deutschen Laute sind ganz anders. Ich rede einfach hinterher, was sie mir vorsagt. Dann soll ich meinen Namen schreiben. Vor mir liegt ein Papier. Ich fange wie immer rechts an zu schreiben. Halt! in Deutschland schreiben sie von links nach rechts. Meine Hand will nicht. Die Buchstaben sehen nicht schön aus. Nach kurzer Zeit habe ich es geschafft. Das muss ich zuhause üben. Nach 3 Stunden ist der erste Schultag zu Ende. Wir verabschieden uns.

Vor der Schule versuche ich noch mit einigen meiner Mitschüler zu sprechen. Wir sind uns einig.

Deutsch ist schwer – aber in die Schule gehen ist toll.

Kolping Bildung, Stuttgart: Platzhalter-Bild

Zwei Wochen später

So langsam finde ich Freunde in der Schule. Die Lehrerin verstehe ich auch immer besser. Ich kann jetzt schon sagen wie ich heiße, wo ich wohne, und aus welchem Land ich komme. Am Anfang habe ich alles durcheinandergebracht. Jetzt kann ich auch beim Besuch im Rathaus sagen wer ich bin. Dazu brauche ich den Dolmetscher nicht mehr. Morgen machen wir einen Ausflug!
Wir waren auf dem Fernsehturm. Ich konnte ganz Stuttgart sehen. Das war schön. Alles liegt ganz klein unter mir. Es war schön. Hinterher sind wir Döner Essen gegangen. Es war ein richtig schöner Tag.

3 Monate später

Heute haben wir eine Stadtrally gemacht. Wir mußten verschiedene Stellen in Stuttgart suchen, wie das alte Schloss, eine Synagoge, die Stiftskirche und vieles mehr. Uns ist aufgefallen, dass nur sehr wenig Deutsche auf der Straße sind. Wir haben viele Ausländer getroffen. Wenn wir in einen Laden gehen treffen wir Deutsche. Das ist für uns seltsam. In der Schule haben wir die Lehrerin gefragt, warum das so ist. Sie sagte uns, das könnte daran liegen, dass zwischen 10.00 und 12.00 Uhr sehr viele Menschen arbeiten und deshalb nur wenig Deutsche auf der Straße sind. Das hätten wir uns auch selbst denken können. Aber wir sind nicht die einzigen Fremden. Es gibt sehr viele Menschen aus anderen Ländern.

Ich möchte gern einen deutschen Freund oder eine deutsche Freundin. Das ist sehr schwer. Vielleicht finde ich im Jugendhaus jemanden.

Es ist Weihnachten. Alle Straßen sind beleuchtet. Überall riecht es nach süssem Gebäck. Das kenne ich nicht. Es ist wunderschön. Das Fest kenne ich aus meiner Heimat. Aber so wie es in Deutschland gefeiert wird, das ist mir neu. In der Schule haben wir einen Adventskalender. Jeden Tag kommt eine Süßigkeit heraus. Das ist nett. Abends gehe ich oft noch durch die Straßen und schaue in die Fenster. Dort hängen Lichterketten und Sterne. Das gefällt mir so sehr, dass mir die Kälte nichts ausmacht.

Inzwischen bin ich in der Schule zuhause. Wenn wir keinen Unterricht haben, sind wir trotzdem dort. Denn dort sind wir willkommen und unsere Freunde sind auch dort. Ich denke oft an zu Hause. Es fehlt mir sehr. Meine Großeltern schicken uns immer wieder Nachrichten wie es Ihnen geht. Dann bin ich traurig, dass Sie nicht hier sind.

Ich lerne sehr viel. Denn nächstes Jahr kann ich hier einen Hauptschulabschluss machen. Dann geht es in eine Ausbildung. Ich träume davon, einen Beruf zu lernen, Geld zu verdienen und eine Familie zu gründen. Wenn der Krieg zu Ende ist möchte ich wieder nach Hause gehen. Alles was ich in Deutschland gelernt habe, kann ich dann mitnehmen und in meiner Heimat helfen, dass es dort wieder schön wird. Ich habe noch viel vor!

Kolping Bildung, Stuttgart: Platzhalter-Bild

Im Mai

Heute habe ich verstanden, dass ich in die VAB-Klasse gehen muss, damit ich eine Ausbildung machen kann. In meiner Heimat bin ich schon in die Schule gegangen. Leider gibt es meine Schule zuhause nicht mehr. Sie wurde durch den Krieg zerstört. Ich kann nicht beweisen, dass ich schon mindestens 7 Jahre in die Schule gegangen bin. Deshalb muss ich den Hauptschulabschluss machen. Das geht nächstes Jahr in der VAB. Meine Lehrer sagen, dass ich es schaffen kann. In Deutsch bin ich schon ganz gut. Ich muss das Sprachniveau B1 erreicht. Das ist schwer. Heute gehe ich in die Stadtbibliothek und lerne Deutsch. Ich will es schaffen.

Inzwischen ist es Juli geworden. Morgen habe ich einen Sprachtest. Ich bin aufgeregt. Es hängt für mich so viel dran. Wenn ich B1 nicht schaffe muss ich die Klasse wiederholen. Das möchte ich nicht. In Mathematik bin ich richtig gut. Rechnen ist leicht. Das hatte ich zuhause schon gelernt. Ich muss es nur auf Deutsch erklären können. Schon wieder Deutsch! Meine Eltern sollen stolz auf mich sein.

Es ist geschafft. Ich habe es geschafft. Heute habe ich mein Zeugnis erhalten und ein Zertifikat über das Sprachniveau B1. Es war wirklich schwer. Nun bin ich stolz auf meine Leistung. Meine Mutter kocht als Belohnung mein Lieblingsessen. Ich habe Sie gleich angerufen, als ich das Ergebnis hatte. Nächstes Jahr mache ich den Hauptschulabschluss. Es war ein langes Jahr und ich habe viel gelernt. Und ich habe Freunde gefunden. Deutschland ist mir nicht mehr ganz fremd.

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